Dokumente und Predigten - Heede

(Aus: Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Osnabrück v. 17.03.2000, Band 53, Nr. 3)

Erklärung des Bischofs Dr. Franz-Josef Bode am Hochfest “Verkündigung des Herrn”, 25.03.2000

Seit sechs Jahrzehnten zieht das emsländische Dorf Heede viele Menschen an zur Eucharistiefeier, zur Anbetung und Buße sowie zur besonderen Verehrung der Mutter Gottes.
Auch wenn wir Gott an allen Orten und auf unterschiedlichste Weise begegnen können, kennt die Kirche von alters her Orte, an denen Menschen sich im Gebet und in der Mitfeier der heiligen Geheimnisse besonders geborgen und beheimatet fühlen. Offensichtlich muss der Mensch dann und wann aus seiner alltäglichen Umgebung heraus, um an solchen Orten zu Besinnung und Gebet zu finden. Auch Heede hat sich zu einem solchen Ort entwickelt, wo geistliches Leben sich ,kristallisieren' kann.
Viele Menschen richten ihren Blick stark auf den Ursprung dieser Anziehungskraft. Vier Mädchen berichteten im Jahre 1937 von Erscheinungen und einer Botschaft der Gottesmutter Um die Erfahrungen dieser vier Mädchen von damals haben sich viele Ereignisse und Fragen gerankt. Licht und Schatten, Klarheit und Verwirrung, Wahrheit und Phantasie, Heilung und Verletzung mischen sich in solchen Geschehnissen oft in kaum durchschaubarer und fast unentwirrbarer Weise. Deshalb hat die Kirche immer eine kluge Zurückhaltung gewahrt und die eigentlich tiefere Wahrheit solcher Vorgänge in den Früchten wahrgenommen, die ein solches Geschehen hervorgebracht hat.
Eine von den vier Mädchen, Frau Grete Ganseforth, hat Zeit ihres Lebens diese besondere Erfahrung mit Christus weiter durchlitten. Aber nicht sie wollte die Anziehungskraft von Heede begründen, sondern Christus und seine Mutter sollten der besonders gesuchte Mittelpunkt des Dorfes sein und bleiben. Nichts anderes war der Wille dieser durchaus bodenständig wirkenden Frau, der ich unmittelbar vor ihrem Tode noch begegnen und mit der ich auch sprechen konnte.
Nicht das Gestern, das Früher steht daher im Mittelpunkt des geistlichen Interesses, sondern das Heute und Morgen: und das ist die intensive Weise des Gebetes und der Versöhnung, die viele Menschen in Heede bis heute erfahren. Deshalb ist nicht eine kirchenamtliche Untersuchung der damaligen Vorgänge und der Fragen um Heede angezeigt, zumal eine amtlich fassbare, abschließende Klärung und Erklärung kaum zu erwarten ist, sondern eine positive und mutige Förderung der eigentlichen Kostbarkeit dieser Gebetsstätte und eine besonnene, geläuterte, geistlich tiefverwurzelte ‘Qualitätssicherung' für die Zukunft.
Der Respekt vor der persönlichen Überzeugung jedes Einzelnen, ja die ,Intimität' des Geschehens zwischen Gott und Mensch in der Begnadigung des Menschen erfordern weniger eine amtliche Erklärung und ein Zerren der Vorgänge ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, als viel­mehr eine Förderung all dessen, was sich an guter und nachhaltiger religiöser Praxis des Gebetes und des sakramentalen Lebens in Heede mit Anziehungskraft und Ausstrahlung entwickelt hat.
Das Heilige Jahr 2000, in dem wir die Menschwerdung unseres Gottes in Jesus Christus aus Maria der Jungfrau besonders dankbar feiern, aber auch die neue Situation der Gemeinde Heede im Gemeindeverbund Heede­Dersum mit der Einführung eines neuen Pfarrers sind eine gute Gelegenheit, dem geistlichen Leben in Heede, das Menschen aus Nah und Fern anzieht, einen neuen Impuls, eine neue nach vorne gerichtete Schubkraft zu geben. Gerade in einer Menschheit, die das Weltall zu erobern versucht, aber oft den Nächsten nicht findet, in einer Menschheit, die mitten in ihrem Wohlstand und ihrem Reichtum immer mehr Armut gebiert, in einer Menschheit die kaum noch Erwartungen hat an ein Leben über das irdische Leben hinaus, ist die Botschaft von einem Gott, der durch eine menschliche Mutter Mensch wurde, von höchster Bedeutung. Als Mensch gewordener Gott zieht er die ganze Welt an sich und verwandelt sie. In Jesus Christus hat er für die Armen jeder An eine besondere Leidenschaft und eröffnet eine Hoffnung weit über den Tod hinaus.
Maria, die Mutter dieses Mensch gewordenen Gottes, ist deshalb auch die Mutter für die Welt, Mutter für die Armen, Mutter der Glaubenden, Hoffenden, Liebenden, ja, nicht nur Mutter, sondern Königin, weil sie selbst die Krönung des Menschen durch Gott ist, weil sie durch die Kirche unaufhörlich die Welt und die Armen vor Gott bringt zur Erlösung durch seinen Sohn Jesus Christus im Heiligen Geist.
Deshalb soll auch in Zukunft in Heede Christus im Mittelpunkt stehen durch Eucharistie und Anbetung, durch Versöhnung, Buße und Beichte; aber auch durch die Verehrung seiner Mutter. Wie Jesus am Kreuz den Apostel Johannes der Liebe seiner Mutter anvertraut hat; ,,Sohn, siehe da, deine Mutter!" (Joh 19,27), so vertraut er uns alle seiner Mutter an, die das Urbild der Kirche ist.
So verstanden verlieren wir an der Hand Mariens nie die Mitte unseres Glaubens aus den Augen: Jesus Christus selbst, ,,der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit" (Hebr 13,8). Deshalb müssen wir behutsam und wach darauf achten, dass wir diese Mitte weder durch ein zu dürftiges, noch durch ein zu übertriebenes Marienbild verdunkeln.
Das Hauptfest in Heede soll künftig das Fest der Verkündigung des Herrn, der 25. März, sein, da die Menschwerdung Gottes und sein Erlösungswerk in Maria ihren wunderbaren, absolut neuen Anfang nahmen. Dadurch ist Maria für uns Mutter des Erlösers geworden. Die Erlösung der Welt und des Menschen durch Jesus Christus begann dort, wo es niemand erwartete: nicht in Rom, nicht in Jerusalem, sondern in Nazareth am Rande der großen Welt bei einem Mädchen, das erschrak, überlegte und fragte und so zu der Aussage fand: ,,Mir geschehe nach deinem Wort!" (Lk 1,38).
Mögen viele Menschen, möglichst auch viele junge Menschen, an diesem Ort unseres Bistums sich betend und büßend öffnen und den Ruf Gottes für sich und ihr Leben hören, ihre Mitte neu finden und ermutigt und gestärkt in ihren Alltag zurückkehren: gestärkt zu einem Glauben, der sie trägt, ermutigt zu einer Hoffnung, die sie beflügelt, durchdrungen von einer Liebe, die nie aufhört (1 Kor 13,8). Dann ist Heede einer der Plätze lebendiger Zuversicht, die uns so kostbar sind, ein ,Ruheplatz am Wasser' (Ps 23,2), an dem wir dem Hirten unseres Lebens selbst begegnen.

Osnabrück, im März 2000
+ Franz-Josef Bode



Predigt von Kardinal Josef Ratziner beim Requiem von Papst Johannes Paul II.

„Folge mir nach“, sagt der auferstandene Herr zu Petrus als sein letztes Wort zu diesem Apostel, den er dazu auserwählt, seine Schafe zu weiden. „Folge mir nach“ – dieses lapidare Wort Christi kann als Schlüssel angesehen werden, um die Botschaft zu verstehen, die aus dem Leben unseres betrauerten und geliebten Papstes Johannes Paul II. kommt, dessen Leichnam wir heute in die Erde betten als Samen der Unsterblichkeit – mit einem Herzen, das voll ist mit Traurigkeit, aber auch mit freudiger Hoffnung und tiefer Dankbarkeit.

Das sind die Gefühle unserer Seele, meine Schwestern und Brüder in Christus, die ihr hier auf dem Petersplatz zugegen seid, in den umliegenden Straßen und an den verschiedenen anderen Orten in der Stadt Rom, die in diesen Tagen von einer unbeschreiblich großen schweigenden und betenden Menge gefüllt sind. Alle grüße ich herzlich! Im Namen des Kardinalskollegiums möchte ich meinen Gruß auch an die Staatsoberhäupter, die Regierungschefs und die Delegationen der verschiedenen Länder richten. Ich grüße die Autoritäten und Verantwortlichen der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, wie auch die jene der verschiedenen Religionen. Ich grüße außerdem die Erzbischöfe, Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen, die aus allen Kontinenten hierher gekommen sind; in besonderer Weise grüße ich die Jugendlichen, die Johannes Paul II. gerne als die Zukunft und Hoffnung der Kirche definierte. Mein Gruß erreicht des weiteren all jene, die an allen Orten der Erde über das Radio und das Fernsehen mit uns verbunden sind – in dieser herzlichen Teilnahme an der feierlichen Beisetzung des geliebten Papstes.

Folge mir nach – als junger Student war Karol Wojtyla begeistert von der Literatur, vom Theater, von der Poesie. Als er in einer Chemiefabrik arbeitete, umgeben und bedroht vom Naziterror, hörte er die Stimme des Herrn: Folge mir nach! In diesen so besonderen Umständen begann er, philosophische und theologische Bücher zu lesen, trat dann in das geheime Seminar ein, das Kardinal Sapieha gegründet hatte, und konnte nach dem Krieg seine Studien in der theologischen Fakultät der Jaghellonica-Universität von Krakau vollenden. Viele Male hat er in seinen Briefen an die Priester und in seinen autobiographischen Büchern zu uns über sein Priestertum gesprochen, zu dem er am 1. November 1946 geweiht wurde. In diesen Texten interpretiert er sein Priestertum vor allem ausgehend von drei Worten des Herrn. Vor allem jenes: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Das zweite Wort ist: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11). Und schließlich: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!” In diesen drei Worten sehen wir die ganze Seele unseres Heiligen Vaters. Er ist wirklich unermüdlich überallhin gegangen um Frucht zu bringen, eine Frucht, die bleibt. „Auf, lasst uns gehen!“ ist der Titel seines vorletzten Buches. „Auf, lasst uns gehen!“ – mit diesen Worten hat er uns von einem müden Glauben aufgeweckt, aus dem Schlaf der Jünger von gestern und heute. „Auf, lasst uns gehen!“ sagt er auch heute zu uns. Der Heilige Vater war Priester bis ins letzte, denn er hat sein Leben Gott für seine Schafe angeboten, für die ganze Menschheitsfamilie, in einer täglichen Hingabe an den Dienst der Kirche und vor allem in den schwierigen Prüfungen der letzten Monate. So ist er eine einzige Sache mit Christus geworden, der gute Hirte, der seine Schafe liebt. Und schließlich „bleibt in meiner Liebe“: Der Papst, der die Begegnung mit allen gesucht hat, der eine große Fähigkeit der Vergebung und der Offenheit des Herzens gegenüber allen gehabt hat, sagt uns auch heute, mit diesen Worten des Herrn: Indem wir in der Liebe Christi bleiben, lernen wir in der Schule Christi, die Kunst der wahren Liebe.

„Folge mir nach!“ Im Juli 1958 beginnt für den jungen Priester Karol Wojtyla ein neuer Schritt auf dem Weg mit dem Herrn und in der Nachfolge des Herrn. Karol begibt sich wie gewöhnlich mit einer Gruppe von Jugendlichen, die vom Kanufahren begeistert waren, zu den Seen der Masurischen Seenplatte, um gemeinsam die Ferien zu verbringen. Aber er hatte bei sich einen Brief, der ihn einlud, sich dem Primas von Polen, Kardinal Wyszynski, vorzustellen, und er konnte den Zweck dieses Treffens erraten: Seine Ernennung zum Weihbischof in Krakau. Die akademische Lehrtätigkeit zu verlassen, diese anregende Gemeinschaft mit den Jugendlichen zu verlassen, den großen intellektuellen Wettstreit zu verlassen, um das Geheimnis der Kreatur Mensch zu verstehen und zu interpretieren, um in der Welt von heute die christliche Interpretation unseren Seins präsent zu machen – all das musste ihm wie ein sich selbst Verlieren vorkommen, genau all das zu verlieren, was zur menschlichen Identität dieses jungen Priesters geworden war. Folge mir nach – Wojtyla akzeptierte, indem er im Ruf der Kirche den Ruf Christi hörte. Und dann verstand er, wie wahr das Wort des Herrn ist: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“ (Lk 17, 33). Unser Papst – das wissen wir alle – hat niemals das eigene Leben retten wollen, es für sich behalten wollen. Er wollte sich ohne Vorbehalte hingeben, bis zum letzten Moment – für Christus, und so auch für uns. Genau auf diese Weise hat er erfahren können, wie all das, was er in die Hände des Herrn gelegt hat, auf neue Art zurück gekommen ist: Die Liebe zum Wort, zur Poesie, zu den Briefen war ein existentieller Teil seiner pastoralen Sendung und hat der Verkündigung des Evangeliums neue Frische, neue Aktualität, neue Anziehung verliehen, auch und besonders dann, wenn es ein Zeichen des Widerspruchs ist.

Folge mir nach! Im Oktober 1978 hörte der Kardinal Wojtyla von neuem die Stimme des Herrn. Es erneuert sich das Gespräch mit Petrus, das im Evangelium dieser Feier vorkommt: „Simon Barjona, liebst du mich? Weide meine Schafe!“ Auf die Frage des Herrn: Karol, liebst du mich?, antwortete der Erzbischof von Krakau aus der Tiefe seines Herzens: „Herr, du weißt alles; du weißt auch, dass ich dich liebe!“ Die Liebe Christi war die dominierende Kraft in unserem geliebten Heiligen Vater; wer ihn beten gesehen hat, wer ihn predigen gehört hat, weiß das. Und so, dank dieser tiefen Verwurzelung in Christus, konnte er eine Last tragen, die über menschliche Kräfte hinausgeht: Hirte der Herde Christi zu sein, seiner Weltkirche. Es ist hier nicht der Moment, um von einzelnen Begebenheiten dieses so reichen Pontifikats zu sprechen. Ich möchte nur zwei Schritte der Liturgie von heute lesen, in denen zentrale Elemente seiner Verkündigung aufscheinen. In der ersten Lesung sagt Petrus – und der Papst sagt es mit dem heiligen Petrus uns: „Da begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus; dieser ist der Herr aller“ (Apg 10, 34-36) Und, in der zweiten Lesung, ermahnt uns der heilige Paulus – und mit ihm unser verstorbener Papst – mit erhobener Stimme: „meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn, liebe Brüder” (Phil 4,1).
Folge mir nach! Zusammen mit dem Auftrag, seine Herde zu weiden, kündigte der Herr Petrus sein Martyrium an. Mit diesem Schlusswort, das das Gespräch über die Liebe und den Auftrag des universalen Hirten zusammenfasst, erinnert der Herr an ein anderes Gespräch, das er im Zusammenhang des letzten Abendmahls geführt hat. Dort hatte Jesus gesagt: „Wo ich hingehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen“. Darauf sagte Petrus: „Herr, wohin gehst du?“ Jesus antwortete ihm: „Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen” (Joh 12,33.36). Jesus geht vom Abendmahl ans Kreuz, geht zur Auferstehung – er tritt ins Ostergeheimnis ein; Petrus kann ihm noch nicht folgen. Jetzt – nach der Auferstehung – ist der Moment gekommen, dieses „später“. Indem er die Herde Christi weidet, tritt Petrus in das Ostergeheimnis mit ein, er geht Richtung Kreuz und Auferstehung. Der Herr sagt es ihm mit folgenden Worten: „Als du noch jung warst, … konntest du gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). In der ersten Phase seines Pontifikats ging der Heilige Vater – noch jung und voller Kraft – unter der Führung Christi bis an die Grenzen der Erde. Aber dann ist er immer mehr in die Gemeinschaft der Leiden Christi eingetreten, hat er immer mehr die Wahrheit der Worte verstanden: „Ein anderer wird dich gürten…“ Und genau in dieser Gemeinschaft mit dem leidenden Herrn hat er unermüdlich und mit erneuerter Intensität das Evangelium verkündet, das Geheimnis der Liebe bis zur Vollendung. (vgl. Joh 13, 1).

Er hat für uns das Ostergeheimnis als Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit interpretiert. In seinem letzten Buch schreibt er: Die Grenze, an die das Böse stößt ist „letztendlich die göttliche Barmherzigkeit“ („Erinnerung und Identität“, S. 75 – ital. Original S. 70). Über das Attentat reflektierend sagt er: „Christus hat, indem er für uns alle litt, dem Leiden einen neuen Sinn verliehen, er hat es in eine neue Dimension erhoben, in eine neue Ordnung eingeführt: in die Ordnung der Liebe…Es ist das Leiden, welches das Böse mit der Flamme der Liebe verbrennt und aufzehrt und sogar aus der Sünde einen mannigfaltigen Reichtum an Gutem hervorbringt“ (S. 208f., - ital. Orig. S. 199). Von dieser Vision animiert hat der Papst in der Gemeinschaft mit Christus gelitten und geliebt; und deshalb ist die Botschaft seines Leidens und seines Schweigens so beredt und fruchtbar gewesen.

Göttliche Barmherzigkeit: Der Heilige Vater hat den reinsten Widerschein der Barmherzigkeit Gottes in der Gottesmutter gesehen. Er, der schon früh die Mutter verloren hatte, hat um so mehr die göttliche Mutter geliebt. Er hörte die Worte des gekreuzigten Herrn, als seien sie gerade an ihn persönlich gerichtet gewesen: „Siehe deine Mutter!“ Und er hat es gemacht wie der Lieblingsjünger: Er hat sie ins Innere seines Seins aufgenommen (eivj ta. i;dia Joh 19,27) – Totus tuus. Und von der Mutter hat er gelernt, sich Christus ähnlich zu machen.

Für uns alle bleibt unvergessen, wie sich der vom Leid gezeichnete Heilige Vater am letzten Ostersonntag seines Lebens noch einmal am Fenster des Apostolischen Palasts gezeigt hat und ein letztes Mal seinen Segen „Urbi et Orbi“ gegeben hat. Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt am Fenster des Vaterhauses steht, uns sieht und uns segnet. Ja, segnen Sie uns, Heiliger Vater. Wir vertrauen deine liebe Seele der Mutter Gottes, deiner Mutter an, die dich jeden Tag geführt hat und die dich jetzt führen wird in die ewige Herrlichkeit ihres Sohnes, Jesu Christi, unseres Herrn. Amen.



Predigt von Papst Benedikt XVI. am 24. April 2005 bei der Heiligen Messe zu seiner Amtseinführung zum Bischof von Rom: Die Kirche zeigt den Weg in die Zukunft!

Meine Herren Kardinäle, verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt, sehr geehrte Staatsoberhäupter, Mitglieder der offiziellen Delegationen und des Diplomatischen Corps, liebe Brüder und Schwestern!

Dreimal hat uns in diesen ereignisreichen Tagen der Gesang der Allerheiligenlitanei begleitet: beim Begräbnis unseres heimgegangenen Heiligen Vaters Johannes Pauls II.; beim Einzug der Kardinäle ins Konklave, und jetzt haben wir es soeben wieder gesungen mit der Bitte: "Tu illum adiuva" – "sostieni il nuovo successore di San Pietro" ["Hilf dem neuen Nachfolger des heiligen Petrus", Anm. d. Red.] . Jedes Mal habe ich auf eigene Weise dieses gesungene Gebet als großen Trost empfunden. Wie verlassen fühlten wir uns nach dem Heimgang von Johannes Paul II., der gut 26 Jahre unser Hirt und Führer auf dem Weg durch diese Zeit gewesen war. Nun hatte er die Schwelle ins andere Leben – ins Geheimnis Gottes hinein überschritten. Aber er ging nicht allein. Wer glaubt, ist nie allein – im Leben nicht und auch im Sterben nicht. Nun konnten wir die Heiligen aller Jahrhunderte herbeirufen – seine Freunde, seine Geschwister im Glauben. Und wir wussten, dass sie gleichsam das lebendige Fahrzeug sein würden, das ihn hinüber- und hinaufträgt zur Höhe Gottes. Wir wussten, wenn er ankommt, wird er erwartet. Er ist unter den Seinen, und er ist wahrhaft zu Hause.

Wiederum war es so, als wir den schweren Zug ins Konklave gingen, um den zu finden, den der Herr erwählt hat. Wie sollten wir nur den Namen erkennen? Wie sollten 115 Bischöfe aus allen Kulturen und Ländern den finden, dem der Herr den Auftrag des Bindens und des Lösens geben möchte? Aber wieder wussten wir: Wir sind nicht allein. Wir sind von den Freunden Gottes umgeben, geleitet und geführt. Und nun, in dieser Stunde, muss ich schwacher Diener Gottes diesen unerhörten Auftrag übernehmen, der doch alles menschliche Vermögen überschreitet. Wie sollte ich das? Wie kann ich das? Aber Ihr alle, liebe Freunde, habt nun die ganze Schar der Heiligen stellvertretend durch einige der großen Namen der Geschichte Gottes mit den Menschen herbeigerufen, und so darf auch ich wissen: Ich bin nicht allein. Ich brauche nicht allein zu tragen, was ich wahrhaftig allein nicht tragen könnte. Die Schar der Heiligen Gottes schützt und stützt und trägt mich. Und Euer Gebet, liebe Freunde, Eure Nachsicht, Eure Liebe, Euer Glaube und Euer Hoffen begleitet mich. Denn zur Gemeinschaft der Heiligen gehören nicht nur die großen Gestalten, die uns vorangegangen sind und deren Namen wir kennen. Die Gemeinschaft der Heiligen sind wir alle, die wir auf den Namen von Vater, Sohn und Heiligen Geist getauft sind und die wir von der Gabe des Fleisches und Blutes Christi leben, durch die er uns verwandeln und sich gleich gestalten will.

Ja, die Kirche lebt – das ist die wunderbare Erfahrung dieser Tage. Durch alle Traurigkeit von Krankheit und Tod des Papstes hindurch ist uns dies auf wunderbare Weise sichtbar geworden: Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung. Sie trägt die Zukunft der Welt in sich und zeigt daher auch jedem einzelnen den Weg in die Zukunft. Die Kirche lebt – wir sehen es, und wir spüren die Freude, die der Auferstandene den Seinen verheißen hat. Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt, weil er wirklich auferstanden ist. Wir haben an dem Schmerz, der auf dem Gesicht des Heiligen Vaters in den Ostertagen lag, das Geheimnis von Christi Leiden angeschaut und gleichsam seine Wunden berührt. Aber wir haben in all diesen Tagen auch den Auferstandenen in einem tiefen Sinn berühren dürfen. Wir dürfen die Freude verspüren, die er nach der kurzen Weile des Dunkels als Frucht seiner Auferstehung verheißen hat. Die Kirche lebt – so begrüße ich in großer Freude und Dankbarkeit Euch alle, die Ihr hier versammelt seid, verehrte Kardinäle und Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und Katechisten. Ich grüße Euch, gottgeweihte Männer und Frauen, Zeugen der verwandelnden Gegenwart Gottes. Ich grüße Euch, gläubige Laien, die Ihr eingetaucht seid in den weiten Raum des Aufbaus von Gottes Reich, das sich über die Welt in allen Bereichen des Lebens ausspannt. Voller Zuneigung richte ich meinen Gruß auch an alle, die, im Sakrament der Taufe wiedergeboren, noch nicht in voller Gemeinschaft mit uns stehen; sowie an Euch, Brüder aus dem jüdischen Volk, mit dem wir durch ein großes gemeinsames geistliches Erbe verbunden sind, das in den unwiderruflichen Verheißungen Gottes seine Wurzeln schlägt. Schließlich gehen meine Gedanken – gleichsam wie eine Welle, die sich ausbreitet – zu allen Menschen unserer Zeit, zu den Glaubenden und zu den Nichtglaubenden.

Liebe Freunde! Ich brauche in dieser Stunde keine Art von Regierungsprogramm vorzulegen; einige Grundzüge dessen, was ich als meine Aufgabe ansehe, habe ich schon in meiner Botschaft vom Mittwoch, dem 20. April, vortragen können; andere Gelegenheiten werden folgen. Das eigentliche Regierungsprogramm aber ist, nicht meinen Willen zu tun, nicht meine Ideen durchzusetzen, sondern gemeinsam mit der ganzen Kirche auf Wort und Wille des Herrn zu lauschen und mich von ihm führen zu lassen, damit er selbst die Kirche führe in dieser Stunde unserer Geschichte. Statt eines Programms möchte ich einfach die beiden Zeichen auszulegen versuchen, mit denen die In-Dienst-Nahme für die Nachfolge des heiligen Petrus liturgisch dargestellt wird; beide Zeichen spiegeln übrigens auch genau das, was in den Lesungen dieses Tages gesagt wird.

Das erste Zeichen ist das Pallium, ein Gewebe aus reiner Wolle, das mir um die Schultern gelegt wird. Dieses uralte Zeichen, das die Bischöfe von Rom seit dem 4. Jahrhundert tragen, mag zunächst einfach ein Bild sein für das Joch Christi, das der Bischof dieser Stadt, der Knecht der Knechte Gottes auf seine Schultern nimmt. Das Joch Gottes – das ist der Wille Gottes, den wir annehmen. Und dieser Wille ist für uns nicht eine fremde Last, die uns drückt und die uns unfrei macht. Zu wissen, was Gott will, zu wissen, was der Weg des Lebens ist – das war die Freude Israels, die es als eine große Auszeichnung erkannte.

Das ist auch unsere Freude: Der Wille Gottes entfremdet uns nicht, er reinigt uns – und das kann weh tun – aber so bringt er uns zu uns selber, und so dienen wir nicht nur ihm, sondern dem Heil der ganzen Welt, der ganzen Geschichte. Aber die Symbolik des Palliums ist konkreter: Aus der Wolle von Lämmern gewoben will es das verirrte Lamm oder auch das kranke und schwache Lamm darstellen, das der Hirt auf seine Schultern nimmt und zu den Wassern des Lebens trägt. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, dem der Hirte in die Wüste nachgeht, war für die Kirchenväter ein Bild für das Geheimnis Christi und der Kirche. Die Menschheit, wir alle, sind das verlorene Schaf, das in der Wüste keinen Weg mehr findet. Den Sohn Gottes leidet es nicht im Himmel; er kann den Menschen nicht in solcher Not stehen lassen. Er steht selber auf, verlässt des Himmels Herrlichkeit, um das Schaf zu finden und geht ihm nach bis zum Kreuz. Er lädt es auf die Schulter, er trägt unser Menschsein, er trägt uns – er ist der wahre Hirt, der für das Schaf sein eigenes Leben gibt. Das Pallium sagt uns zuallererst, dass wir alle von Christus getragen werden. Aber er fordert uns zugleich auf, einander zu tragen. So wird das Pallium zum Sinnbild für die Sendung des Hirten, von der die zweite Lesung und das Evangelium sprechen.

Den Hirten muss die heilige Unruhe Christi beseelen, dem es nicht gleichgültig ist, dass so viele Menschen in der Wüste leben. Und es gibt vielerlei Arten von Wüsten. Es gibt die Wüste der Armut, die Wüste des Hungers und des Durstes. Es gibt die Wüste der Verlassenheit, der Einsamkeit, der zerstörten Liebe. Es gibt die Wüste des Gottesdunkels, der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen. Die äußeren Wüsten wachsen in der Welt, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Deshalb dienen die Schätze der Erde nicht mehr dem Aufbau von Gottes Garten, in dem alle leben können, sondern dem Ausbau von Mächten der Zerstörung. Die Kirche als Ganze und die Hirten in ihr müssen wie Christus sich auf den Weg machen, um die Menschen aus der Wüste herauszuführen zu den Orten des Lebens – zur Freundschaft mit dem Sohn Gottes, der uns Leben schenkt, Leben in Fülle.

Das Symbol des Lammes hat aber auch noch eine andere Seite. Im alten Orient war es üblich, dass die Könige sich als Hirten ihrer Völker bezeichneten. Dies war ein Bild ihrer Macht, ein zynisches Bild: Die Völker waren wie Schafe für sie, über die der Hirte verfügt. Der wahre Hirte aller Menschen, der lebendige Gott, ist selbst zum Lamm geworden, er hat sich auf die Seite der Lämmer, der Getretenen und Geschlachteten gestellt. Gerade so zeigt er sich als der wirkliche Hirt. "Ich bin der wahre Hirte... Ich gebe mein Leben für die Schafe", sagt Jesus von sich (Joh 10,14f). Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe. Sie ist das Zeichen Gottes, der selbst die Liebe ist. Wie oft wünschten wir, dass Gott sich stärker zeigen würde. Dass er dreinschlagen würde, das Böse ausrotten und die bessere Welt schaffen. Alle Ideologien der Gewalt rechtfertigen sich mit diesen Motiven: Es müsse auf solche Weise zerstört werden, was dem Fortschritt und der Befreiung der Menschheit entgegenstehe. Wir leiden unter der Geduld Gottes. Und doch brauchen wir sie alle. Der Gott, der Lamm wurde, sagt es uns: Die Welt wird durch den Gekreuzigten und nicht durch die Kreuziger erlöst. Die Welt wird durch die Geduld Gottes erlöst und durch die Ungeduld der Menschen verwüstet.

So muss es eine Haupteigenschaft des Hirten sein, dass er die Menschen liebt, die ihm anvertraut sind, weil und wie er Christus liebt, in dessen Diensten er steht. "Weide meine Schafe", sagt Christus zu Petrus, sagt er nun zu mir. Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden. Und lieben heißt: den Schafen das wahrhaft Gute zu geben, die Nahrung von Gottes Wahrheit, von Gottes Wort, die Nahrung seiner Gegenwart, die er uns in den heiligen Sakramenten schenkt.

Liebe Freunde – in dieser Stunde kann ich nur sagen: Betet für mich, dass ich den Herrn immer mehr lieben lerne. Betet für mich, dass ich seine Herde – Euch, die heilige Kirche, jeden einzelnen und alle zusammen immer mehr lieben lerne. Betet für mich, dass ich nicht furchtsam vor den Wölfen fliehe. Beten wir füreinander, dass der Herr uns trägt und dass wir durch ihn einander zu tragen lernen.

Das zweite Zeichen, mit dem in der Liturgie dieses Tages die Einsetzung in das Petrusamt dargestellt wird, ist die Übergabe des Fischerrings. Die Berufung Petri zum Hirten, die wir im Evangelium gehört haben, folgt auf die Geschichte von einem reichen Fischfang: Nach einer Nacht, in der die Jünger erfolglos die Netze ausgeworfen hatten, sahen sie den auferstanden Herrn am Ufer. Er befiehlt ihnen, noch einmal auf Fang zu gehen, und nun wird das Netz so voll, dass sie es nicht wieder einholen können: 153 große Fische. "Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht" (Joh 21,11). Diese Geschichte am Ende der Wege Jesu mit seinen Jüngern antwortet auf eine Geschichte am Anfang: Auch da hatten die Jünger die ganze Nacht nichts gefischt; auch da fordert Jesus den Simon auf, noch einmal auf den See hinauszufahren. Und Simon, der noch nicht Petrus heißt, gibt die wunderbare Antwort: Meister, auf dein Wort hin werfe ich die Netze aus. Und nun folgt der Auftrag: "Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fischen" (Lk 5,1-11). Auch heute ist es der Kirche und den Nachfolgern der Apostel aufgetragen, ins hohe Meer der Geschichte hinauszufahren und die Netze auszuwerfen, um Menschen für das Evangelium – für Gott, für Christus, für das wahre Leben – zu gewinnen.

Die Väter haben auch diesem Vorgang eine ganz eigene Auslegung geschenkt. Sie sagen: Für den Fisch, der für das Wasser geschaffen ist, ist es tödlich, aus dem Meer geholt zu werden. Er wird seinem Lebenselement entrissen, um dem Menschen zur Nahrung zu dienen. Aber beim Auftrag der Menschenfischer ist es umgekehrt: Wir Menschen leben entfremdet, in den salzigen Wassern des Leidens und des Todes; in einem Meer des Dunkels ohne Licht. Das Netz des Evangeliums zieht uns aus den Wassern des Todes heraus und bringt uns ans helle Licht Gottes, zum wirklichen Leben. In der Tat – darum geht es beim Auftrag des Menschenfischers in der Nachfolge Christi, die Menschen aus dem Salzmeer all unserer Entfremdungen ans Land des Lebens, zum Licht Gottes zu bringen. In der Tat: Dazu sind wir da, den Menschen Gott zu zeigen. Und erst wo Gott gesehen wird, beginnt das Leben richtig. Erst wo wir dem lebendigen Gott in Christus begegnen, lernen wir, was Leben ist. Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken. Die Arbeit des Hirten, des Menschenfischers mag oft mühsam erscheinen. Aber sie ist schön und groß, weil sie letzten Endes Dienst an der Freude Gottes ist, die in der Welt Einzug halten möchte.

Noch eins möchte ich hier anmerken: Sowohl beim Hirtenbild wie beim Bild vom Fischer taucht der Ruf zur Einheit ganz nachdrücklich auf. "Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; sie muss ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten" (Joh 10,16), sagt Jesus am Ende der Hirtenrede. Und das Wort von den 153 großen Fischen endet mit der freudigen Feststellung: "Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht" (Joh 21,11). Ach, lieber Herr, nun ist es doch zerrissen, möchten wir klagend sagen. Aber nein – klagen wir nicht! Freuen wir uns über die Verheißung, die nicht trügt und tun wir das Unsrige, auf der Spur der Verheißung zu gehen, der Einheit entgegen. Erinnern wir bittend und bettelnd den Herrn daran: Ja, Herr, gedenke deiner Zusage. Lass einen Hirten und eine Herde sein. Lass dein Netz nicht zerreißen, und hilf uns Diener der Einheit zu sein!

In dieser Stunde geht meine Erinnerung zurück zum 22. Oktober 1978, als Papst Johannes Paul II. hier auf dem Petersplatz sein Amt übernahm. Immer noch und immer wieder klingen mir seine Worte von damals in den Ohren: "Non avete paura: Aprite, anzi spalancate le porte per Cristo!" ["Fürchtet Euch nicht: Öffnet, reißt die Türen für Christus auf!", Anm. d. Red.]. Der Papst sprach zu den Starken, zu den Mächtigen der Welt, die Angst hatten, Christus könnte ihnen etwas von ihrer Macht wegnehmen, wenn sie ihn einlassen und die Freiheit zum Glauben geben würden. Ja, er würde ihnen schon etwas wegnehmen: die Herrschaft der Korruption, der Rechtsbeugung, der Willkür. Aber er würde nichts wegnehmen von dem, was zur Freiheit des Menschen, zu seiner Würde, zum Aufbau einer rechten Gesellschaft gehört. Und der Papst sprach zu den Menschen, besonders zu den jungen Menschen. Haben wir nicht alle irgendwie Angst, wenn wir Christus ganz herein lassen, uns ihm ganz öffnen, könnte uns etwas genommen werden von unserem Leben? Müssen wir dann nicht auf so vieles verzichten, was das Leben erst so richtig schön macht? Würden wir nicht eingeengt und unfrei? Und wiederum wollte der Papst sagen: Nein. Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist.

So möchte ich heute mit großem Nachdruck und großer Überzeugung aus der Erfahrung eines eigenen langen Lebens Euch, liebe junge Menschen, sagen: Habt keine Angst vor Christus! Er nimmt nichts, und er gibt alles. Wer sich ihm gibt, der erhält alles hundertfach zurück. Ja, aprite, spalancate le porte a Cristo – dann findet Ihr das wirkliche Leben. Amen.